So sehr er auch bewundert wurde, eines hat viele an Michael Jackson doch irritiert, ja abgestoßen. Ständige Nasenoperationen, Hautaufhellungen – das war die Mutation eines Schwarzen zu einem Weißen. Und hätte man ihm nicht noch lieber als schwarzem Künstler applaudiert? Je weiter er sich durch Hirngespinste und Fantasieuniformen vom gesunden Menschenverstand vieler entfernte, desto näher kam er durch seine ungeheuer erscheinenden Verwandlungen dem weißen Teil seines Publikums. Aber „durchgehen“, „passieren“ als Weißer – das konnte er nicht.
Schon 1929 waren Technik und Tragik des „Passing“ Thema des gleichnamigen Romans der afroamerikanisch-dänischen Schriftstellerin Nella Larsen. Heute, 82 Jahre später, liegt mit „Seitenwechsel“ erstmals eine Übertragung ins Deutsche vor.
Anders als Michael Jackson, der sein „Passing“ vor den Augen aller vollzog, schlüpft Clare Kendry, eine von Larsens Heldinnen, heimlich in eine neue, weiße Identität. Nach dem Tod des Vaters wächst sie bei weißen Verwandten auf und heiratet einen wohlhabenden Weißen: John Bellew, ein netter, umgänglicher Mann, der aber allen „Niggern“ die Pest an den Hals wünscht. In den Augen von Clares alten Freundinnen aus Harlem ist Clares Lebenswandel wenn nicht Verrat, so doch eine immense Gefahr. Und die scheint Clare zu lieben. Nach einer zufälligen Begegnung mit ihrer Sandkastenfreundin Irene Redfield fährt sie immer häufiger nach Harlem – und gerät in Gefahr, von John Bellew ertappt zu werden.
Neben der gewandten, bildschönen Clare fühlt die bodenständige Irene Redfield sich oft plump. Die Geschichte, die sie erzählt, ist eine Abfolge von Verlegenheiten und Selbstvergewisserungen angesichts dieser fluiden Frau. Irene selbst ist der Seitenwechsel zu den Weißen zwar auch nicht fremd, jedoch nur „dem Komfort zuliebe wie in Restaurants, für Theaterkarten und so Sachen“. Clare ist ihr suspekt, nicht zuletzt weil diese auf ihren eigenen Mann eine magische Wirkung zu haben scheint.
Nella Larsens „Seitenwechsel“ ist ein faszinierender Spiegel einer frühen afroamerikanischen Mittelklasse. „Passing“ ist hier ein Mittel, soziale Akzeptanz zu erlangen, eine zerbrechliche Normalität. Doch was für eine Normalität ist das, wenn Rassentrennung und Lynchmorde Alltag bleiben? Irene Redfield ist eine Meisterin darin, diese Dinge zugunsten einer trügerischen Sicherheit auszublenden. Sie will „ungestört sein, um das Leben ihrer Söhne und ihres Mannes zu deren eigenem Besten lenken zu können.“
Und Nella Larsen ist eine Meisterin darin, Rassismus beim Namen zu nennen. Nicht nur als Quelle von Scham und Entwürdigung, sondern auch von Trotz und Stolz. Irene Redfield und Clare Kendry sind Frauenfiguren und Gegenspielerinnen weltliterarischen Ranges. Nicht über ihre gesellschaftlichen Implikationen hinaus, sondern gerade weil sie den Nukleus ihrer sozialen Situation einfangen.
„Passing“ verhalf seiner Autorin damals zu einiger Bekanntheit, heute ist es in den USA ein kanonisches Werk. Nach der Scheidung von ihrem Mann 1933 lebte Larsen zurückgezogen und arbeitete erneut als Krankenschwester. Sie starb 1964.
Nicht nur um die Bedeutung des „passing“ bis hin zu Michael Jackson zu ermessen, sondern auch um eine großartig erzählte Geschichte in einem schön gestalteten Buch zu genießen, sollte man „Seitenwechsel“ lesen.
Nella Larsen: Seitenwechsel, Dörlemann, Aus dem Amerikanischen von Adelheid Dormagen
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