Um nicht ausgelacht zu werden

November 11, 2009 von tebb

Es ist verblüffend, wie viel öffentliche Betroffenheit der Freitod eines Fußballers auslöst. Für viele, die jetzt seine Nachrufe schreiben, war Robert Enke einer der wenigen „richtigen Menschen“ im Profifußball. Mal zurecht, mal heuchlerisch wird das Martyrium eines Mannes inszeniert, der seinen Schmerz, seine Gefühle und auch seine Krankheit nicht öffentlich zeigen geschweige denn sich die Blöße geben konnte, den traditionell harten Konkurrenzkampf um den Stammplatz im „deutschen Tor“ aufzugeben. Dass Enke depressiv gewesen ist, wird jetzt, wo er den Stammplatz nicht mehr haben kann, öffentlich gemacht. Ja, aus Angst, alles zu verlieren, habe er seine Krankheit nicht öffentlich machen wollen, sagt seine Witwe Teresa.

Einer, der „alles“ verloren hat, nachdem er seine Depressionen vor 6 Jahren öffentlich gemacht hat und dafür auch noch von vieler Seite Häme geerntet hat, ist zufälligerweise Sebastian Deisler, Enkes Ex-Mitspieler bei Borussia Mönchengladbach vor zehn Jahren. Beide waren damals ca. 20 Jahre alt, und beide galten (auch mangels anderer Nachwuchsspieler) als die Ausnahmetalente des deutschen Fußballs. Entsprechend wurden sie auch be- (und ge-)handelt. Mit dem Resultat, dass einer tot ist und der andere mit noch nicht 30 Jahren ein Rentier ist, der an den Erwartungen an ihn zerbrochen ist.

Interpretiert werden die Situationen Deislers und Enkes aber vor allem als persönliches Dilemma sensibler Menschen, die mit dem Druck nicht klarkommen; manchmal werden noch „der Mob“, die „Bild“-Zeitung oder bestimmte Trainer angeprangert.Dass aber Angst, Depression und auch Selbstmorde nicht nur im Profisport, sondern auch im „normalen Arbeitsleben“ zum Alltag gehören, zeigt nicht zuletzt die unglaubliche Selbstmordserie unter Angestellten (25 Tote in 18 Monaten) der französischen Telecom. „Die Depression ist die Krankheit einer Gesellschaft, deren Verhaltensnorm nicht mehr auf Schuld und Disziplin gründet, sondern auf Verantwortung und Initiative“, schreibt der französische Soziologe Alain Ehrenberg in seiner Studie „Das erschöpfte Selbst“. Einer Gesellschaft wie unserer also, die sich rühmt, alte Abhängigkeitsverhältnisse überwunden zu haben, sie aber eigentlich ausgetauscht hat gegen ein Diktat von Eigeninitiative und Selbstbewusstsein.

Dass es bei normaler Lohnarbeit mehr und mehr um Leben und Tod geht, wird seit Jahren vorbereitet. Die Verschärfung der Arbeitsbedingungen geht einher mit veritablen Vernichtungsdrohungen bei Nicht-Funktionieren oder besser gesagt, beim Nicht-Einspeisen in die Verwertung. Die Organisation des Ausschlusses in Deutschland (und mehr und mehr auch in Frankreich) folgt dem Muster der absoluten Offenbarung, die nicht nur gegenüber dem Case-Manager der Arbeitsagentur, sondern auch in sozialen Zusammenhängen (Netzwerken) zu leisten ist. Wer Schwächen und Geheimnisse für sich behält, dem werden sie erst recht angedichtet. Sebastian Deisler über seine Karriere: „Es war ein bisschen so, als sei ich auf eine ewige Klassenfahrt geraten. Da gibt es doch auch immer die Lauten, die Bestimmer – und die, die lieber um neun im Bett wären, aber bei der Kraftmeierei mitspielen, um nicht ausgelacht zu werden. So habe ich mich gefühlt.“

Je länger die Haare

November 11, 2009 von tebb

Eins vorweg: Motorpsycho sind live so grenzenlos gut wie eh und je.

Erinnert sich noch jemand an Jim Martin? Der ehemalige, mehrere Brillen übereinander tragende Gitarrist von Faith No More war bei seinen Bandkollegen so verhasst, dass sie ihn live nur stumm anstarrten und höchstens mal Flaschen nach ihm warfen.Ein ähnlich gelagertes Schicksal wurde Kenneth Kapstad zuteil, der Motorpsychos Kultdrummer Håkon Gebhardt ersetzt.

motorpsycho.thumbnail

(c) http://coloradio.org/site/?m=20080630&cat=3

Von den Gründungsgitarristen Bent Sæther und Hans Magnus Ryan wurde er am Dienstagabend auf der Bühne des Winterthurer Salzhauses auffällig häufig durch deren langen Haare hinweg angeglotzt und auf seine bewundernswerten rhythmischen und technischen Qualitäten hin getestet. Kapstads Auftritt, eingeklemmt zwischen der gesamten PA-Maschinerie, war der eigentliche Knackpunkt und letzten Endes die fulminante Überraschung dieses Gigs. Denn wie bei schlichtweg jedem Konzert der norwegischen Käuze bestand über die Großartigkeit des Gebotenen von vornherein kein Zweifel.

Verwundert sein konnte man zu Beginn allerdings doch darüber, dass die Songs der, obwohl in die Jahre gekommen, relativ frisch erst langhaarigen Herren derart ausufern müssen und schier kein Ende finden wollen. Dieser Umstand, belehrte einen aber der Verlauf des Konzerts, macht den Motorpsycho-Kick aber gerade aus. Repetitive Muster mit winzigen Abweichungen, vorgetragen mit einer Mischung aus sturer Professionalität und dilettantischstem Wahnsinn, sind das Schönste, was es gibt auf der Welt.

http://coloradio.org/site/?m=20080630&cat=3

 

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Heute back’ ich, morgen brau’ ich.

November 2, 2009 von tebb

Toy Fight (zu deutsch nicht Kriegsspielzeug, sondern Spielzeugkampf) sind eine Bande junger Parisiens, die sich der sehr zu Unrecht verschrienen Kunst des Gefühlwechselbads widmen.

TOY FIGHT_BY Marika Mathieu_4529

Aber gar so putzig wie ihr Name ist ihre Musik nicht – allen Unkenrufen in Sachen Akzent oder Spielzeuginstrumente zum Trotz (die in der Tat gehäuft zum Einsatz kommen). Doch auch auf Spielzeuginstrumenten lassen sich großartige kleine Popdramen und famose pathosgeladene Folk-Schmachtfetzen spielen. Zumal gerne auch noch Bläser oder Streicher mit in den Ring geschickt werden, und Banjo, Glockenspiel und Melodica sowieso. Das verblüffte schon auf der Vorab-EP „High Noon“, deren Titeltrack eine Art Geheimhit wurde (wenigstens für mich) und mit einer dezenten Opulenz aus Streichern, Klavier, Trompete und dem schönsten und bestgetimeten Uh-Uh-Chor seit langem verblüffte und jetzt auch auf Toy Fights Debütalbum „Peplum“ enthalten ist. Dessen 16 Songs knüpfen mit charmanter Übertreibungsgeste und trotz englischer Texte an große französische ¾-Takt-Chanson-Tradition an. Einem Yann Tiersen etwa treibt’s sicher die Tränen ins Gesicht.

Denn was Toy Fight als Erstling vorlegen, ist nicht weniger als ein frühes Meisterwerk. Das reicht von den Lyrics, die sich in der unglücklichen Romanze genau so souverän bewegen wie in der dylanesken Harlekinade, bis zur Klanggebung, die schlafwandlerisch auf dem schmalen Schwebebalken zwischen ungestümer Tirade und gewandter Marivaudage balanciert. Tänzelt. Taumelt. Auf die Fresse fällt. Und mit Verbeugung wieder aufsteht. Je nachdem was der Song erfordert. In dessen Dienst steht bei dieser erstaunlichen Band alles.

Das haben auch schon die geschätzten Kollegen bei byte.fm, dem besten Radiosender der Republik, gemerkt und waren eine Zeit lang ganz vernarrt in den Fünfer aus Paris, der in seinem Heimatland auch schon Phoenix supporten durfte. Doch bevor Toy Fight die ganz großen Stadien – und die ganz teuren Hotelzimmer – in Schutt und Asche gerockt werden dürfen, schickt das Label City Slang die Jungs erst einmal auf Clubtour. Schon die Abstimmung der in bester französischer Tradition bestens gefüllter Terminkalender („15 Uhr: Café mit Babette“, „19 Uhr: Champagner mit dem Manager“, „21 Uhr: Tête-à-tête mit Claudette“ etc.) aller Beteiligter dürfte ein Kunststück gewesen sein, das dasjenige des Bühnenaufbaus und des Soundchecks (eine Tontechnikerin reist mit) noch in den Schatten stellt. Doch obwohl oft Instrumente und Gimmicks in biblischem Ausmaß zum Einsatz kommen, zwingen einen die Direktheit und die Euphorie der Songs immer wieder in die Knie.

„Peplum“ ist vielleicht das erste Album seit The Libertines’ „Up The Bracket“ oder Belle And Sebastians „If You’re Feeling Sinister“, auf dem jedes Stück ein Ohrwurm ist, der aber trotzdem nicht nach 3 Tagen anfängt zu nerven. Wie diese liebevoll überkandidelten Kleinode live klingen, könnt ihr selbst herausfinden.

Toy Fight spielen am 6.11. ab 20 Uhr in der Medien-Coop im Lagerhaus Bremen. Außerdem am 4.11. in Nürnberg, am 7. und am 9.11. in Berlin, am 10.11. in München und am 11.11. in Weinheim.

„Es ist ein Hochgenuss…“

Oktober 25, 2009 von tebb
Dagobert

(c) The Walt Disney Company and Ehapa

A propos Hochgenuss: Was ist das heute, wenn nicht das Bad im lieben Talerschatz? Hier die ersten 10 Google-Treffer in aufsteigender Reihenfolge:

10. Es ist ein Hochgenuss nach so einem Tag die müden Beine hochzulegen und zu spüren, wie jeder einzelne Löffel Nahrung den Körper stärkt und ihm Wärme zuführt.

9. Es ist ein Hochgenuss, an diesem Glas zu riechen…

8. Es ist ein Hochgenuss, der Spielfreude von Stefan Stoppok und seinen Begleitmusikern, Reggie Worthy (Bass, Gesang), Benny Greb (Schlagzeug, Gesang) und Sebastian Niehoff (Hammond, Gitarre, Gesang) zuzuschauen und zuzuhören!

7. Es ist ein Hochgenuß, nicht nur für Biertrinker. (Anm.: die Stadt Neuhaus)

6. Ab 8 Personen wird eine kleine Anzahlung gefordert. Das ist aber unerheblich, egal, ob davor oder danach bezahlt, es ist ein Hochgenuss. (Anm.: Das Frühstücksbüffet im Café 100 Wasser in Berlin)

5. unglaublich intensiv, poetisch, die Beschreibungen, die Christensen wählt, sind solche Kunstwerke, es ist ein Hochgenuß, das zu lesen.

4. Radiomultikulti ist mehr als ein integrationspolitisches Renommierprojekt. Es ist ein Hochgenuss.

3. es ist ein Hochgenuss der Orgel zuzuhören, die die ganzen Melodiebögen trägt, und nur im Hintergrund agiert…

2. es ist ein Hochgenuss ein ADHSler zu sein. In meinem Falle eine ADHSlerin. Ein bunter Vogel, der nach über 40 Jahren, denn so alt bin ich schon…., endlich glücklich fliegen darf.

1. Es ist ein Hochgenuss, den mehrheitlich grossgewachsenen Spielerinnen beim Passen, Hechten, Springen, Blocken und Smashen zuzuschauen. (Anm.: zurecht ganz oben: Das Damen-Volleyballteam von Sm’Aesch Pfeffingen).

Hüt dich, schöns Blümelein

Oktober 23, 2009 von tebb

Tine Kindermann ist eine derjenigen Künstlerinnen, deren Existenz man nur absolut zufällig wahrnimmt, wenn man wie ich in einem eher engmaschigen „Alternative“-Mediensumpf beheimatet ist. Die Lieder und Kunstwerke der deutschen New Yorkerin werden überhaupt nicht in den Zeitungen besprochen, die ich oft lese.  Das mag daran liegen, dass Tine Kindermann zuletzt durchweg alte deutsche Kinder- und Volkslieder aufgenommen hat.

TineKindermann (c) Lloyd Wolf

Mit der Unterstützung von Marc Ribot und Greg Cohen (sowie live auch mal von Iggy Pop, sehr sehenswert) gelingt ihr eine absolut fantastische Umsetzung dieser irgendwie zeitlosen Stücke, die man nicht mehr unbedingt noch aus Kindertagen kennen muss, um einfach hingerissen zu sein. Tine Kindermann singt diese alten Lieder mit so treuherziger Hingabe und glockenklarer Intonation, dass es süchtig macht. „Es ist ein Hochgenuß, wie ein Seehund hineinzuspringen, wie ein Maulwurf darin herumzuwühlen und es dann in die Luft zu schmeißen, dass es einem auf die Glatze prasselt.“ (cit. Dagobert Duck)

Urlaubs-Blabla und ein kostbares Zitat

Oktober 11, 2009 von tebb

Ein Eiland in Thailand haben wir gefunden, das uns den ganzen Urlaub dort so schmackhaft gemacht hat wie wir ihn uns schon vorher ausgemalt haben: Ko Phi Phi ist ein kleines Paradies mit Felsküsten, feinweißen Sandstränden, Kokospalmen, wilden Affen, einem türkisblauen Indischen Ozean und furchtbar freundlichen Bewohnern. Das gasthausgefüllte Dorf zeigt zwar schon erste Ballermann-Züge auf, aber das Gegenteil wäre vermutlich unangenehmer. Die hübschesten Meerestiere gibt’s außerdem auch dort (wir haben sie allerdings nur auf dem Teller gesehen, für den Tauchkurs hatten wir zu wenig Zeit, nur ein bißchen Schnorcheln war drin, und dazu Wanderungen im Dschungel.) Unvorstellbar, dass dieses Kleinod vor fünf Jahren durch die Tsunami-Flutwelle ziemlich zerstört worden ist. Heute sieht man das vor allem an den fix mit Touri-Facilities zugebauten Flächen und den noch immer korallendurchsetzten Stränden.

Das komplette Gegenteil dieser sehr empfehlenswerten Mischung aus romantischer Abgeschiedenheit und Umtrunkgeselligkeit ist Thailands Hauptstadt Bangkok. Das ist eine wild wuchernde Metropole, deren Verkehrsadern verstopft sind von bunt angemalten Taxis, durchgedrehten TukTuk-Fahrern und Pickup-Trucks (sehr populär bei den Thais). Auf den Straßen werden T-Shirts mit dem Aufdruck „12 +“ verkauft, aber es steht zu vermuten, dass der gemeine Sextourist solche Dinge liegen lässt. Wir hingegen haben die „fliegenden Händler“ mit ihren Marken-T-Shirts und ungewohnten Snacks nach Kräften unterstützt, und so manche fremdartige Frucht oder Kreatur fand ihren Weg in meinen – durch eisgekühlte Bierchen schockgefrostete – Magen.

Dazu eine oft gemachte Erfahrung, die Max Goldt, der Meister anschaulicher und erbaulicher Verbalisierung in diesem Bereich, wie folgt beschrieb: „Also, ab und zu trinke ich ganz gern einen McDonald’s-Milkshake, weil einem dabei die Augäpfel von unten anfrieren, zumindest, wenn man ihn extrem schnell trinkt. Mit diesen angefrorenen Augäpfeln hat man für einen kurzen Moment so einen leicht weggetretenen Blick, mit dem man jeden Typen kriegen könnte, theoretisch. Leider hält der Blick nur ganz kurz an, weil die Augäpfel natürlich sehr, sehr schnell wieder auftauen.“

Filme, Feten, Festnahmen

Oktober 6, 2009 von tebb

Ist der Kapitalismus in der Krise, wird man gerne betulich und besinnt sich aufs Wesentliche. Nicht zuletzt auf die „inneren Werte“, denn was zählen schon die äußeren? Schall und Rauch. Die Ratgeberliteratur floriert, und die Bezüge aufs Private ufern aus. So auch im Kino, und nicht zuletzt auf dem fünften Zurich Film Festival, das vergangenen Sonntag zu Ende ging.

Dominiert wurde es von Filmen, die das Familiäre suchen – aber oft nur Skelettstrukturen vorfinden. „Wolfy“ zum Beispiel, der russische Siegerfilm, porträtiert ein kleines Mädchen, dem, wie das früher Usus war, von der herzlosen, aber lebenslustigen Mutter gesagt wird, es sei als Baby in einer Plastiktüte gefunden worden. Regisseur Vasilij Sigarev entlockt diesem Stoff eine Fabel, die Entfremdung und Humor in düstere Bilder wickelt, und das Ganze auch ohne Ton funktioniert. In Richtung Stummfilm bewegt sich auch „Katalin Varga“ aus Rumänien.

"Katalin Varga" (Peter Strickland), Zurich Film Festival

"Katalin Varga" (Peter Strickland), Zurich Film Festival

Hier bricht eine junge Mutter mit ihrem Sohn auf, um dessen Vater, ihren Vergewaltiger zu finden. Eine Reise ohne Wiederkehr wird das, soviel steht von Beginn an fest. Unterlegt mit Bilder und Tonspuren, die ominös wirken, ohne ihren Subtext aufzudrängen. Beide sind eigentlich Horrorfilme mit den Mitteln des Brecht-Theaters. Auffällig auch das Aufsichgestelltsein aller, das komplette Fehlen von Netzwerkstrukturen, von den entsprechenden Medien ganz zu schweigen.

Das gilt auch für „P-Star Rising“, eine US-Doku über Wirken und Werden der minderjährigen Rapperin P-Star, die von ihrem Vater an die Chart-Spitze gedrillt wird. So jedenfalls der Plan, der natürlich nicht ganz aufgeht. Was bleibt? Der rührende Versuch, die Welt mit einem Lächeln, einem Reim und einer Vorschussgage zu erobern. Und dass man zusammenhält, da wo man herkommt (anstatt die konzertierte Aktion zu suchen). Der Aufstieg eines oder einer Einzelnen in eine andere Klasse – das ist der Traum, dem sich auch die unterwerfen, die ihn schon längst verfehlt haben.

Ähnlich laufen die Dinge in „Queen Of Brazil“, einem charmanten Film über Transgender-Schönheitswettbewerbe und ihre liebenswerten Teilnehmer(innen) in Rio De Janeiro. Doch auch hier werden offenkundige Klassen- und Marktmechanismusfragen komplett ausgeklammert. Resultat: Ein Menschenzoo à la „Big Brother“.

Bei aller Anmut eindimensional bleibt auch „Béjart: The Show must go on“, eine Hommage an den 2007 verstorbenen Choerografen Maurice Béjart, die nie über dessen Vergötterung hinauszugehen wagt. Ähnliches lässt sich mit Abstrichen über „Sergio“ sagen, ein Porträt des UNO-Diplomaten Sergio De Mello, der 2003 im Irak getötet worden war. Gewonnen hat die Doku-Reihe die deutsch-schweizerische Co-Produktion „The Sound after the Storm“, eine Liebeserklärung an New Orleans, die Willensstärke seiner Bewohner auch fünf Jahre nach Hurrikan „Katrina“ und den Jazz. Dass der Dokumentarfilm-Hype der letzten Jahre sowohl in Fragen der Form als auch der Resonanz und Relevanz seiner Zeit bestenfalls voraus war, bewies aber auch die Zürcher Auswahl.

Überschattet wurde das Festival, das 37.000 Tickets verkaufen konnte, von der Verhaftung Roman Polanskis, der für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden sollte. Zunächst brach ein Sturm der Entrüstung los: Polanskis Festnahme sei ein Armutszeugnis für die Schweiz und für das Festival. Doch in den letzten Tagen drehte sich der Wind: Fast einhellig einigte man sich darauf, dass jemand, dem die Vergewaltigung einer Minderjährigen vorgeworfen wird, einer Strafe zugeführt werden müsse, egal wie lange die Tat schon her sei, wie lange ihm das Opfer schon verziehen habe und wie genial seine Filme seien (die als Retrospektive versammelt den künstlerischen Höhepunkt des Festivals darstellten). Weniger vermisst wurde der wegen Grippe abwesende Til Schweiger, Vorsitzendes der Jury für den deutschsprachigen Film, dessen aktuelles Elend in achtfacher Ausführung dokumentiert wurde.

He-Man vs. Skeletor

September 27, 2009 von tebb

Sie tauchen in sentimentale Kitschgewässer und schwingen sich im nächsten Augenblick wieder auf euphorische Höhenflüge: Toy Fight sind eine Bande junger Parisiens, die sich der sehr zu Unrecht verschrienen Kunst des Gefühlwechselbads widmen.
Aber gar so putzig wie ihr Name ist ihre Musik nicht – allen Unkenrufen in Sachen Akzent oder Spielzeuginstrumente zum Trotz (die in der Tat gehäuft zum Einsatz kommen). Doch auch auf Spielzeuginstrumenten lassen sich großartige kleine Popdramen und famose pathosgeladene Folk-Schmachtfetzen spielen. Zumal gerne auch noch Bläser oder Streicher mit in den Ring geschickt werden, und Banjo, Glockenspiel und Melodica sowieso. Das verblüffte schon auf der Vorab-EP „High Noon“, deren Titeltrack eine Art Geheimhit wurde (wenigstens für mich) und jetzt auch auf Toy Fights Debütalbum „Peplum“ enthalten ist. Dessen 16 Songs knüpfen mehr als zu erwarten war (teils mit charmanter Übertreibungsgeste und trotz englischer Texte) an große französische ¾-Takt-Chanson-Tradition an. Einem Yann Tiersen etwa treibt’s sicher die Tränen ins Gesicht.
Denn was Toy Fight hier als Erstling vorlegen, ist nicht weniger als ein frühes Meisterwerk. Das reicht von den Lyrics, die sich in der unglücklichen Romanze genau so souverän bewegen wie in der dylanesken Harlekinade, bis zur Klanggebung, die schlafwandlerisch auf dem schmalen Schwebebalken zwischen ungestümer Tirade und gewandter Marivaudage balanciert. Tänzelt. Taumelt. Auf die Fresse fällt. Und mit Verbeugung wieder aufsteht. Je nachdem was der Song erfordert. In dessen Dienst steht auf diesem erstaunlichen Album alles.
So ist „Peplum“ vielleicht das erste Album seit The Libertines’ „Up The Bracket“ oder Belle And Sebastians „If You’re Feeling Sinister“, auf dem jedes Stück ein Ohrwurm ist, der aber trotzdem nicht nach 3 Tagen anfängt zu nerven. Hoffentlich machen die Jungs mal die Runde und werden von City Slang auf Welttournee geschickt, denn man wüsste am Ende doch und vor allem gern, wie diese liebevoll überkandidelte Mixtur live umgesetzt wird.

don’t bother pissed jeans

September 2, 2009 von tebb

Eine sehr erfreuliche Neuerscheinung gibt’s aus dem Hause Sub Pop zu vermelden, das sich seit dem Tod von Nirvana ja zunächst in der Krise befand, seit geraumer Zeit aber wieder mit schöner Zuverlässigkeit nicht nur alte Heldenposenverweigerer wie Mudhoney, sondern auch neue Bands in Haufen auf die Strasse schmeisst. Und die klingen nicht selten sehr anregend nach verblichenem Seattle-Grunge und streng riechendem 80er-Harcore.

(c) http://www.whitedenim.com/pissedjeans/

(c) http://www.whitedenim.com/pissedjeans/

Eine davon ist Pissed Jeans, die allein für ihren Namen schon eine Torte ins Gesicht kriegen sollten. Ihre indes bereits dritte Scheibe heisst „King Of Jeans“, und ohne jene zu kennen, bin ich sicher, dass sie sich von ihren Vorgängern nicht massgeblich unterscheidet.

Um’s kurz zu machen: Sie ist super, enthält viel Lärm, der laut aufgedreht natürlich noch lauter ist und dazu einiges an frischen Ideen, wie man Verweigerungshaltungen „heute“ noch rüberbringen kann.

Man lese nur die dankenswerterweise beigelegten – denn im Bariton des Sängers zuweilen unverständlichen – Lyrics: „I know there are things going on tonight, but I don’t bother / Only ten minutes across town that’s right, but I don’t bother (…) / No to everything“. Aber kein Song trägt eine Parole als Namen, der eben zitierte z.B. heisst doch sehr gespreizt „False Jesii Part 2“, womit wir uns also wenigstens partiell im Kunstbereich bewegen.

Dabei kommen Pissed Jeans nicht mal aus New York, sondern aus Allentown, Pennsylvania. Die NY Times ist trotzdem auf sie aufmerksam geworden und berichtete von einem ihrer angeblich sagenumwobenen Gigs, ohne aber – sicher aus (vielleicht vorgetäuschten) Zensurgründen – den Bandnamen erwähnen zu dürfen, was den Artikel nicht nur sehr lesenswert und lustig machte, sondern aufs Neue bewies, dass die tabuisierende Umschreibung der Ursprung und das Ziel allen Journalismus’ ist. Bei Gelegenheit mal googeln.

Noch ein Song macht das „No to everything“ dieser angenehm unsympathisch wirkenden Band hübsch plastisch: In „Spent“ wird ein Beat nach Doom-Metal_Art ins Quälende gezogen, ein Riff so entschleunigt, dass es sich umso langsamer und stumpfer ins Gedächtnis fräst, während mit einer Uncoolness, die Cobain sicher gerne erfunden hätte, „I earned an extra hundred dollars / There’s nothing I wanna buy“, mehr geächzt als gesungen wird.

Grossartig wie der Rest dieses Albums, aber natürlich noch nicht von der gleichen Meisterschaft etwa der Melvins oder Nirvana, aber was nicht ist, das kann ja schon gewesen sein; wie gesagt, die ersten beiden Alben sind mir vollkommen unbekannt. Aber habe ich nach diesem hier noch Lust etwas anderes zu hören? Im Sinne von Pissed Jeans: „I could become a nerdy fan, but I don’t bother.“

Don’t push. Pull.

August 26, 2009 von tebb

Schon vor einem Jahr erschienen, aber nach wie vor brandinteressant und höchst aktuell ist ein Buch mit dem unscheinbaren Titel „Cluster“ von Detlef Hartmann und Gerald Geppert. Die beiden Autoren bieten eine begrifflich stringente Analyse „der neuen Etappe des Kapitalismus“ an, die – schaut man sich viele linke Kommentare zur letzten Krise an -  leider noch nicht allzu viele Abnehmer gefunden hat. Begriffe wie „Neoliberalismus“ oder „neoliberale Globalisierung“, schreiben H. & G., „bleiben letztlich herrschafts- und kapitalkonform“ und taugen weder zu Erklärung noch zu Verständnis der gegenwärtigen Etappe des Kapitalismus.

cover_cluster-web

Die zeichne sich nämlich gerade durch eine radikale Änderung ihres Zugriffs auf (menschliche) Ressourcen aus. Kurz gesagt: Früher (in der Epoche des „Fordismus“ und „Taylorismus“) herrschte eine Art Kapitalkommando vor, die als „Push“ bezeichnet werden kann (Anordnung, Befehl, Fließband, Bürokratie, klare Hierarchien etc.). Die „Push“-Strategien erzeugten eine effiziente, wenn auch selten nachhaltige, Bewirtschaftung der natürlichen, technologischen, sozialen und menschlichen Ressourcen,  führten aber dazu, dass sich „in der Tat die Interessen des Kapitals und die Interessen der Lohnarbeit sich schnurstracks gegenüberstehen“ (K.Marx, Lohnarbeit und Kapital, S. 37,vgl. MEW Bd. 6, S. 415). So konnte man vielleicht bis vor kurzem noch von klassenspezifischer Subjektivität und von Klassen als Subjekten der Geschichte sprechen.

Doch seit spätestens Mitte der 90er Jahre werden die „Push“-Strategien durch eine „Einbeziehung der Subjekte und ihrer Subjektivität im Sinne eines ‘Pull’“ abgelöst. Das neue soziale Kommando ist bestimmt durch eine Dynamik standardisierter Partizipationsformen. Unter dem Deckmantel der Beteiligung soll das Subjekt mitmachen bei seiner Selbstausbeutung, soll sich einbringen in den Produktionsprozess: „Wir sind überzeugt, dass das maximale Potential der Individuen nur durch eine Herangehensweise entfesselt werden kann, die in das Herz ihrer Motivation vordringt.“ (The McKinsey Quarterly 3/05, S.83), eben der potentiell widerständige Rest an Subjektivität.

Vorangetrieben werden diese „Pull“-Strategien von (ThinkTank-)Firmen wie Bertelsmann, Accenture oder McKinsey. Flankiert wird der Prozess vom Web 2.0, das immer neue Möglichkeiten/Pflichten zur Selbsteinbringung in die Bewirtschaftung des Sozialen hervorbringt: Blogs, myspace, facebook. Abgerundet wird das Ganze durch einen immer offener eliminatorischen Druck zur Selbsteinbringung, zum eigenen Unternehmertum, etwa durch die Hartz-Gesetze und das Fall-Management in deutschen Arbeitsagenturen, die letztendlich die Drohung der physischen Vernichtung, des Todes bereithalten, wenn nicht alle „Selbst-Ressourcen mobilisiert“ werden. So viel in aller Kürze.

Mulmig wird einem, so augenfällig stellen G&H diese Entwicklungen dar. Mulmig aber auch, weil viele eher abwegige Beispiele – z.B. aus dem Irak-Krieg – herangezogen werden, um die „Pull“-Strategie als großangelegte weltweite Attacke darzustellen. Wer diese Attacke aber inszeniert, ist nicht ganz klar, denn von einem „Kapital“ als solchem gehen G & H nicht (mehr) aus. Dafür wird das Warum umso deutlicher beantwortet: Es handelt sich beim „Pull“ um eine effektivere Strategie der Ausbeutung.

Am besten funktioniert sie in Regionen, die sich der „Clusterbildung“ verschrieben haben, d.h. Moblilisierung aller Ressourcen in Hinsicht auf einen bestimmten (vorgeblich regional spezifischen) Industriezweig, dem andere Branchen, v.a. im Dienstleistungssektor angegliedert werden. Vorbildlich wird das im zweiten Teil des Buches am Beispiel Wolfsburg und VW (bis in deren NS-Anfänge hinein) analysiert: Die Cluster-Politik zielt auf ein neues Verhältnis von Kapital und Arbeit, auf Selbstkontrolle (im Prinzip genau der Prozess, den Klaus Theweleit und Norbert Elias dem Übergang vom Katholizismus zum Protestantismus diagnostizierten: die Verinnerlichung der Autorität) und Selbsteinspeisung. Jeder haftet selbst für Wohl und Weh des Unternehmens, Produktionsprozesse werden „optimiert“, Standorte gegeneinander ausgespielt. Mit der Gründung von Subunternehmen und Stiftungen gelingt es, Arbeiter weit unter Haus- oder Flächentarif zu bezahlen und außerdem Einfluss auf Politik und Arbeitsagenturen zu nehmen (die  Kandidaten nicht nur gratis auswählen, sondern auch weiterbilden).

Ein lesenswertes Buch, dem man noch die ein oder andere Neuauflage wünscht (in die dann aber noch mal ein Lektor ein Auge werfen könnte).

Detlef Hartmann, Gerald Geppert: CLUSTER- Die neue Etape des Kapitalismus, Assoziation A, 2008, 14 €