Es ist verblüffend, wie viel öffentliche Betroffenheit der Freitod eines Fußballers auslöst. Für viele, die jetzt seine Nachrufe schreiben, war Robert Enke einer der wenigen „richtigen Menschen“ im Profifußball. Mal zurecht, mal heuchlerisch wird das Martyrium eines Mannes inszeniert, der seinen Schmerz, seine Gefühle und auch seine Krankheit nicht öffentlich zeigen geschweige denn sich die Blöße geben konnte, den traditionell harten Konkurrenzkampf um den Stammplatz im „deutschen Tor“ aufzugeben. Dass Enke depressiv gewesen ist, wird jetzt, wo er den Stammplatz nicht mehr haben kann, öffentlich gemacht. Ja, aus Angst, alles zu verlieren, habe er seine Krankheit nicht öffentlich machen wollen, sagt seine Witwe Teresa.
Einer, der „alles“ verloren hat, nachdem er seine Depressionen vor 6 Jahren öffentlich gemacht hat und dafür auch noch von vieler Seite Häme geerntet hat, ist zufälligerweise Sebastian Deisler, Enkes Ex-Mitspieler bei Borussia Mönchengladbach vor zehn Jahren. Beide waren damals ca. 20 Jahre alt, und beide galten (auch mangels anderer Nachwuchsspieler) als die Ausnahmetalente des deutschen Fußballs. Entsprechend wurden sie auch be- (und ge-)handelt. Mit dem Resultat, dass einer tot ist und der andere mit noch nicht 30 Jahren ein Rentier ist, der an den Erwartungen an ihn zerbrochen ist.
Interpretiert werden die Situationen Deislers und Enkes aber vor allem als persönliches Dilemma sensibler Menschen, die mit dem Druck nicht klarkommen; manchmal werden noch „der Mob“, die „Bild“-Zeitung oder bestimmte Trainer angeprangert.Dass aber Angst, Depression und auch Selbstmorde nicht nur im Profisport, sondern auch im „normalen Arbeitsleben“ zum Alltag gehören, zeigt nicht zuletzt die unglaubliche Selbstmordserie unter Angestellten (25 Tote in 18 Monaten) der französischen Telecom. „Die Depression ist die Krankheit einer Gesellschaft, deren Verhaltensnorm nicht mehr auf Schuld und Disziplin gründet, sondern auf Verantwortung und Initiative“, schreibt der französische Soziologe Alain Ehrenberg in seiner Studie „Das erschöpfte Selbst“. Einer Gesellschaft wie unserer also, die sich rühmt, alte Abhängigkeitsverhältnisse überwunden zu haben, sie aber eigentlich ausgetauscht hat gegen ein Diktat von Eigeninitiative und Selbstbewusstsein.
Dass es bei normaler Lohnarbeit mehr und mehr um Leben und Tod geht, wird seit Jahren vorbereitet. Die Verschärfung der Arbeitsbedingungen geht einher mit veritablen Vernichtungsdrohungen bei Nicht-Funktionieren oder besser gesagt, beim Nicht-Einspeisen in die Verwertung. Die Organisation des Ausschlusses in Deutschland (und mehr und mehr auch in Frankreich) folgt dem Muster der absoluten Offenbarung, die nicht nur gegenüber dem Case-Manager der Arbeitsagentur, sondern auch in sozialen Zusammenhängen (Netzwerken) zu leisten ist. Wer Schwächen und Geheimnisse für sich behält, dem werden sie erst recht angedichtet. Sebastian Deisler über seine Karriere: „Es war ein bisschen so, als sei ich auf eine ewige Klassenfahrt geraten. Da gibt es doch auch immer die Lauten, die Bestimmer – und die, die lieber um neun im Bett wären, aber bei der Kraftmeierei mitspielen, um nicht ausgelacht zu werden. So habe ich mich gefühlt.“





