Genesis P. Orridge, Jahrgang 1950, gründete mit 19 die surrealistische Künstlergruppe COUM, wirkte in den Avantgardebands Throbbing Gristle und Psychic TV und begann ab 2000 das androgyne Kunstprojekt S/he, in dem er sich durch diverse plastische Operationen konstant seiner Frau Jacqueline Breyer, genannt Lady Jaye, anglich.

Genesis P. Orridge (links) neben Regisseurin Marie Losier und Produzent Steve Holmgren Foto: Frank Nachtigal
Sie haben auf der Berlinale zwei Filme präsentiert. Ein Film über Sie und ihre große Liebe Lady Jaye, die 2007 verstarb. Der andere Film stammt aus den 80er Jahren und ist ein Zusammenschnitt von Material der Beat-Literaten William S. Burroughs und Brion Gysin. Wie kam es damals dazu?
Wir freundeten uns 1971 mit Burroughs an und mit Gysin 1977/78. 1980 bekamen wir einen Anruf von Burroughs, der sagte: »Du mußt sofort zu Gysin.« Und der sagte: »Antony Balch ist gestorben. Und all seine Filme sind in seiner Wohnung in Soho. Du mußt sofort hin, sonst werden sie weggeworfen.« Wir nahmen mein Geld, das eigentlich für die Miete war, und fuhren mit dem Taxi hin. Und tatsächlich waren gerade Leute dabei, die ganzen 35mm-Filme in einen großen Container zu werfen. Wir sagten ihen, daß sie die in das Taxi laden sollten. Dann brachten wir sie zu mir, und mein Freund Derek Jarman, auch ein Filmemacher, ließ uns nachts in seinem Schneideraum das Material sichten und katalogisieren. Es war so faszinierend und neuartig, daß wir dachten, es sollte mit der Welt geteilt werden. Es gibt eine Menge Burroughs-Fans und Leute, die sich für die Cut-Up-Experimente interessieren. Also stellten wir den Stoff nach der Cut-Up-Methode zusammen, indem wir alles auseinanderschnitten und neu zusammensetzten. Darunter waren auch einige fertige Filme. Alles wäre verloren gegangen, hätten sie mich nicht angerufen.
Wie hat die Arbeit von Burroughs und Gyson Ihre eigene Kunst beeinflußt?
Alles in meinem Leben hatte irgendeinen Bezug zu Cut-Up und diesen Ideen von William und Bryan. Und wir benutzen das noch immer auf verschiedene Art. In letzter Zeit vor allem mit dem Körper: durch den Körper schneiden und ihn neu zusammensetzen. William hat mal gesagt: »Laß es uns auseinanderschneiden und sehen, wie es wirklich aussieht.« Es geht darum, neue Konfigurationen zu entdecken.
Sie sehen sich selbst als Gesamtkunstwerk. Haben Sie je einen Tag frei?
Nein.
Was würden Sie machen, wenn Sie einen hätten?
Nach Kathmandu fahren. Und Marie mitnehmen, um es zu filmen. Sie hat einen erstaunlichen Blick. Es gibt Plätze, die sich wie Zuhause anfühlen. Kathmandu ist so einer.
Marie Losier hat den Film über Sie und Lady Jaye gedreht. Was machte diese Liebe so besonders?
Lady Jaye war einfach speziell. Wir haben mit so vielen faszinierenden Künstlern gearbeitet, Timothy Leary, Jarman, Burroughs usw. Aber Lady Jaye war die Bemerkenswerteste, furchtlos im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hatte vor nichts Angst. Sie war ausgebildete Krankenschwester, hat aber auch viel Mode und Performance gemacht. Sie ermutigte mich, mein Leben anders zu leben. Sie ist immer noch die Batterie für das, was ich heute tue. Und sie ist immer noch hier bei mir.
Sie beide haben versucht, durch Hormonbehandlung, Schönheitsoperationen, Crossdressing und eine Geschlechtsumwandlung einander immer ähnlicher zu werden. Dabei haben die meisten Menschen doch eher Angst davor, sich ihren Partnern anzugleichen.
Ich bin sehr erstaunt, daß sich die Leute so sehr dagegen sträuben. Meine Vision von Liebe war immer totale Unterwerfung und Absorption in den anderen. Jaye und ich haben unser ganzes Leben darauf gewartet, und als wir es fanden, waren wir unglaublich glücklich. Totale Unterwerfung ist belebend und befreiend. Dabei geht es nicht um Besitztum, sondern um Liebe. Um das Gegenteil dessen, wie die Gesellschaft funktioniert. Wir müssen in Begriffen der Menschlichkeit denken, nicht in solchen der Nation. Komplette Unterwerfung unter denjenigen, den du liebst und um den du dich kümmerst. Das kann klein anfangen, aber das kann auch wachsen. Wir müssen überdenken, wie wir Menschlichkeit sehen.